Lucie Kim-Chi Mercier, Zwischen Formalismus und Geschichte: Serres und Foucault in Clermont-Ferrand, In: Michel Serres Das vielfältige Denken, Eds Reinhold Clausjürgens and Kurt Röttgers, Brill, 2020, Pages: 193–211
DOI: https://doi.org/10.30965/9783846765142_013
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In diesem Beitrag möchte ich zwei Autoren einander annähern, die wir vielleicht nicht gewohnt sind, zusammen zu lesen: Michel Serres und Michel Foucault. Von 1960 bis 1966 lehrten sie am Philosophie-Departement zu Clermont-Ferrand, wohin Jules Vuillemin beide eingeladen hatte, Jahre in denen sie sehr regelmäßig ihre laufenden Arbeiten diskutierten. Diese Periode deckt sich mit dem Schreiben von Les mots et des choses (1966) für den einen, von Le système de Leibniz et ses modèles mathématiques (1968) für den anderen – die noch im gleichen Jahr verteidigte und veröffentlichte Doktorats- These von Michel Serres –, zwei Bücher, die ein bemerkenswertes Echo in der philosophischen Welt der Zeit hatten, aber denen nur wenige gründliche Studien gewidmet worden sind. Über die Freundschaft dieser zwei Schüler von Canguilhem hinaus ist die Möglichkeit der Annäherung zwischen ihren Werken auf ihre damalige Ambition zurückzuführen, sich als Reflexion des Strukturalismus anzubieten. Tatsächlich wollten die beiden Bücher das Auf- kommen des Strukturalismus in einer langen Wissensgeschichte der Human- wissenschaften (Foucault) und der exakten Wissenschaften (Serres) situieren. Ihre Originalität besteht in der Art und Weise, die Probleme/Fragen/Themen des Strukturalismus im Inneren des klassischen Zeitalters wiederzufinden. Und zwar derart, dass die beiden Werke an vielen Punkten übereinstimmen, auch wenn die Archäologie von Foucault die „Autoren“ erledigt und umgekehrt das Buch von Serres die traditionelle Erscheinungsweise einer Monographie auf- recht erhält.